*2009 /
2010:
weite
welt sucks
Eigenproduktion
(to suck [Am.
E.]:
ätzend
sein [ugs.], Scheiße sein [vulg..],
total
mies sein [ugs.], zum Kotzen sein [ugs.])
*
Zum
Inhalt
Es
war einmal ein Land, das so klein war, dass nur das Schloss des Königs darauf
Platz hatte. Und darum gab es auch nur ganz wenige Menschen, die in diesem Land
wohnten; nämlich der König selbst und seine vier Untertanen.
Der
König sah es stets als seine oberste Aufgabe an, für das Gute zu kämpfen. Doch seine Untertanen, so fand er, lebten einfach nur in den Tag hinein.
Da
schickte der König sie in alle vier Himmelsrichtungen aus, auf dass sie lernen
mögen, das Böse zu bekämpfen und so dem Guten zum Siege zu verhelfen.
Ob
der König sich nun einsam fühlt? Glaubt
er, selbstlos gehandelt zu haben? Dies
alles bleibt in unserem selbst geschriebenen Märchen offen.
Uns
interessiert vielmehr, was mit seinen Untertanen geschieht,
die sich nun in der
Fremde bewähren müssen.
Wir wollen von ihren Ängsten zu versagen erzählen
und von ihren Schwierigkeiten, für sich überhaupt einen
Weg zu finden.
Wir wollen ihrem Verlangen nach einem eindeutigen Richtig und
Falsch eine Stimme geben und ihrer Sehnsucht nach einer Hand, an der sich
durch’s Leben gehen lässt...
„Hans im Glück“
hatte wirklich Glück. Vielleicht machte er nicht immer den besten Deal, aber er
hatte stets die Kraft sich zu entscheiden.
Doch wer kann das schon immer?
Je
tiefer unsere Untertanen in die „weite Welt“ vordringen, desto mehr müssen
sie erfahren, wie schwer es ist, sich in ihr zurechtzufinden, was es heißt,
erwachsen und selbständig zu
sein.
"Hänschen
klein“ konnte einfach wieder zu seiner Mutter zurückehren.
Für die vier
Untertanen des Königs gibt es kein Zurück.
Sie sind dazu verdammt, sich in der
„weiten Welt“ ein eigenes Zuhause zu schaffen.
Kurzum: weite welt sucks!
Zur
Inszenierung:
Was
sich auf der Bildebene als Märchen präsentiert, ist auf der Sachebene die
Herausforderung, der sich Heranwachsende seit jeher gegenüber sehen: um die
Kindheit (hier bildlich: das Schloss) hinter sich lassen zu können, müssen
Jugendliche in allen Kulturen wie auch immer geartete Initiationsriten
durchlaufen, die ihnen die Welt der Erwachsenen (hier: der König) auferlegt.
In
unserem Falle sieht der Initiationsritus vor, dass jedes der Kinder für sich in
die weite Welt hinausziehen, das Böse aufspüren, es bekämpfen und dem Guten
zum Siege verhelfen soll, bevor es – gereift – nach Hause zurückkehren
darf.
Dieser
moralischen Entwicklungsaufgabe stehen Kinder und Jugendliche besonders in der
heutigen Zeit oft hilflos gegenüber. Die aktuelle Shell-Studie aus dem
Jahre 2006 zeigt deutlich die Orientierungsschwierigkeiten, die Jugendliche
heutzutage bei der Bewältigung dieser Entwicklungsaufgabe haben. Jugendliche
schreiben der Familie (hier: dem König und seinem Schloss) hohe Bedeutung zu
und wollen möglichst lange in den Strukturen ihrer Herkunftsfamilie bleiben.
Dies hat seine Ursachen nicht zuletzt darin, dass die umgebende Welt wenig
Orientierungshilfen bietet. Die komplizierten wirtschaftlichen und politischen
Verhältnisse und eine pluralistische, sich in vielen Hinsichten als sogar
wertneutral präsentierende Gesellschaft machen
die eigene Lebenswelt für viele Jugendliche unübersichtlich und erschweren
ihnen eine Positionierung im eigenen Leben. Das vielfach beklagte Phänomen der
„Politikverdrossenheit“ und das damit einhergehende Eingeständnis, dass
politisches Engagement ohnehin „nichts bringe“, kann vor diesem Hintergrund als eine Folgewirkung der
Sehnsucht nach Klarheit, nach Wissen um Richtig und Falsch erstanden werden.
Doch
gerade dieses Engagement fordert nicht nur der König in unserem Märchen von
seinen Untertanen. Auch unsere Gesellschaft beklagt das mangelnde
politische Bewusstsein vieler Jugendlicher und drängt auf Veränderung.
Doch weder die Untertanen im Märchen noch die Jugendlichen in der Realität fühlen
sich sonderlich bei der Erfüllung ihrer Aufgabe unterstützt. Im Gegenteil.
Im Märchen schlägt ihnen Desinteresse und sogar zynisch zur Schau gestelltes
Gelangweilt-Sein entgegen, ein Sinnbild für unsere Gesellschaft, die z. B. beim
Kopenhagener Klimagipfel demonstrierte, wie eigensüchtige Interessen über
Moralität und Zukunftschancen der Menschheit triumphieren können und dies auch
noch als „Teilerfolg“ zu verkaufen trachten.
Angesichts
der Probleme in der Welt erscheinen dann selbst Teilerfolge wie ‚ein Tropfen
auf dem heißen Stein'.
Was
Jugendlichen bleibt ist angesichts einer unübersichtlichen, als
bedrohlich empfundenen Welt der Hedonismus, das Konsumieren als Ersatzhandlung
und/oder der Rückzug ins Private (cocooning).
Die
Entdeckung der eigenen Sexualität und das Eingehen von festen Partnerschaften
sorgt unter den Jugendlichen für größere Zuversichtlichkeit, was ihre persönliche
Zukunft anbelangt.
Doch
ist es fraglich, ob ein einfaches Kopieren der elterlichen Beziehungs- und
Familienstrukturen zu persönlicher Zufriedenheit und zu tatsächlichem Glücksempfinden
führt.
Unser
selbst geschriebenes Märchen möchte vielmehr die Frage aufwerfen, ob nicht
eine von Optimismus genährte Offenheit dem Leben gegenüber mehr bringt als
scheinbar Bewährtes immer wieder neu aufzulegen. Vielleicht, so wollen wir
fragen, gilt es, Offenheit neuen Wegen gegenüber zu zeigen und weniger das Ziel
als vielmehr das Erleben des Weges als lebenswert zu empfinden.
Unsere
Produktion setzt an vier Stellen Videos ein, deren Funktion darin besteht, wie
in einem Botenbericht die Geschichte weiterzuerzählen oder die Gedankenwelt der
Untertanen zu präsentieren. Der Einsatz von Videos ist für uns nicht nur eine
Möglichkeit, das Märchen mit anderen Mitteln weiterzuerzählen.
Die
Videos sollen vielmehr als Mittel der Brechung auf
die reale Lebenswelt der Jugendlichen verweisen.
Wir
danken in diesem Zusammenhang Herrn Florian Wischnewsky ganz herzlich
für sein großes Engagement und sein technisches Know-how. Ohne ihn wäre diese
Inszenierung nie das geworden, was sie ist.
Unsere
Eigenproduktion "weite welt sucks. Ein Märchen" wurde eingeladen
zur Theaterwoche Korbach
2010,
zum 3. "Maulhelden"-Festival, dem Landes-Schülertheater-Treffen
NRW, Düsseldorf
und
zum
"2. Europäischen Friedenstheaterfestival - Jugend für Europa -
BINAMIRA",Aachen
"weite
welt sucks" war in der engeren Auswahl
zum
31. Theatertreffen der Jugend in Berlin 2010
Außerhalb
unserer Schule führten wir unser Stück an folgenden Spielorten auf:
...
im JUTA im Rahmen der Düsseldorfer Schultheatertage am FFT
...
in der COENS-Galerie, Grevenbroich
...
im BIS-Zentrum für offene Kulturarbeit,
Mönchengladbach
...
am Hugo-Junkers-Gymnasium, Mönchengladbach
"weite
welt sucks" wurde durch CITY VISION, Mönchengladbach
einer breiteren Öffentlichkeit
im Fernsehen vorgestellt.
Das
WDR-Fernsehen berichtete im Mai 2010 über poco*mania
im Rahmen des "Maulhelden"-Festivals.